Rif Tavecchia (Val Biandino) – Rif. Piu X – Rif. Grassi – Zucco del Corvo – Passo di Cedrino – Valtorta – Brembana – San Francesco – Roncobello – Balte di Mezzeno – Passo Branchino – Rif. Alpe Corte
Der Abschied von Julio ist herzlich. Unsere zwei Biker, Peter & Didi, haben das Haus längst verlassen. Wir hingegen sind spät dran. Die Polar CS600 wird später unbarmherzig dokumentieren: um 9.21h ist Startzeit. Schämt Euch.

Egal, schließlich geht es ja da vorne ganz gemütlich weit hinten ins Tal hinein, denkt Udo, setzt sich auf sein Numinis und radelt motiviert voran. Um sich 4 Minuten später über die Einsamkeit zu wundern, die ihn plötzlich umgibt. Kein Weggefährte weit und breit. Nur in Sichtweite des Rifugio zwei wild gestikulierende Gestalten und bruchstückhafte Wortfetzen ala „..rück“. Also gut, haben wir halt was vergessen: nochmals retour. Julio und Werner schütteln den Kopf. „Nein, nein, das ist nicht der Weg“ verraten Sie mir einhellig „das ist der Weg“ und deuten auf die schmale Holzbrücke vis á vis vom Rifugio und die schmalste Pfadspur die über Wurzeln, Stock und Stein steil den Bergrücken hinauf folgt. „Wie bitte? – Da hoch?, Nee, oder?“
Doch, genau da hoch. Es dauert gefühlte 4 weitere Minuten, da schaffe ich es schwer keuchend, den ersten Fluch auszustoßen. Erste Zwischenstation Rifugio Grassi, knapp unter der 2000er Kante. Ja, bist Du narrisch. Man stelle sich vor: 5 Schritte schieben, stehenbleiben, keuchen, warten, bis die Atmung wieder stabilisiert, 5 Schritte schieben …. Und das wird die nächsten 500 Höhenmeter, also mindestens eine gute Stunde, so weitergehen. „Ey, das ist KEINE Bikeroute!“ stelle ich sinnvollerweise fest. „Richtig“ pflichtet Werner mir bei, „das ist eine Schiebepassage, steht so im Plan“, spricht es und bleibt ebenfalls stehen um zu verschnaufen.

Die Wurzelknoten stehen im Weg, Steine, so hoch wie zwei Tragerl Bier sind zu erklimmen, der Weg ist schmal, schmäler und noch enger, schieben geht nur latent und überhaupt – wenn etwas mühsam ist, dann diese Passage. Gibt es eine Reiseleitung, die meine Beschwerden ernst nimmt? Nein.
Oben angekommen schleicht sich dann aber doch diese „ätsch-geschafft-Grinsen“ wieder in unsere Gesichter. Rifugio Grassi liegt ein paar Meter unterhalb des Gipfelgrats, wir genießen im frisch blasenden und etwas kühlen Wind die erfolgreiche Überwindung der ersten Hürde. Gibt es hier eine Reiseleitung, die Bonuspunkte oder Fleißsternchen verteilt? Vielleicht.

Nun kommen Fleißsternchen: das Highlight dieses Crosses liegt vor uns: der Zucco del Corvo. Bis dahin darf noch ein wenig getrailt werden, Konzentration und Fahrtechnik sind extrem gefordert, weitere Schiebe- und Tragesequenzen folgen - der Ritt auf dem Kamm entlang ist allein ein Video wert - und dann liegt er plötzlich vor uns: Zucco del Corvo. So wie er klingt, so ist er auch. Zwei zunächst unscheinbar wirkende Buckel, verbunden mit einem schmalen Grat, darauf die sich schlängelnde schmale Pfadlinie, über die wir surfen dürfen –zumindest ganz kurz für die Galerie. Achtung: Es sei ausdrücklich erwähnt: diese Passage ist im Zweifel nicht fahrbar, weil der Abgrund links und rechts vom Berg gähnend frohlockt und – im Falle eines Fahrfehlers – als lebensgefährlich eingestuft werden muss. Ergo: schieben und genießen lautet die Devise. An der Wand entlang geht es weiter in Richtung Passo Cedrino.

Unbändig schön dann auch der Sahnetrail, der am Passo Cedrino folgt. Weicher Waldboden, ein paar gewachsene „Wildkurven“ und sehr viel Flow. Herrlich. So muss crossen sein. Den Abzweig zur Skipiste nach Bobio erwischen wir, dürfen dann auf groben Schotter steilst berg ins Valtorta stürzen. Das mit dem „stürzen“ nimmt Werner insofern wörtlich, als das er sein Bike einfach laufen lässt, der mittlerweile stabilisierende Betonuntergrund vermittelt Sicherheit. Tja, wenn da nicht so manche grobe Scharte, 10cm tiefer auf groben Gestein, lauern würde. Bremsen zu spät. Das System, also Bike, Werner, Gepäck, knallt volles Rohr in diesen Graben und muss sich dann, ein paar Meter später nicht wundern, wenn dem Reifen die Luft ausgeht. „Tja, Werner, vorausschauend fahren, gell, 1:0 für Dich. Gratuliere, Dein erster Alp-X-Plattfuß.“
Weiter geht es nach Valtorta und Brembana. Pause. Werner hat Hunger. Udo ordert zwei Radler und Cappuccino. Werner verlangt die Speisekarte. Der Konditor guggt ihn nur verständnislos an. Es gebe Kuchen, oder Kuchen, oder Kekse. Werner will weder Kekse noch Kuchen, sondern Pasta. Gibt es nicht. Na gut, dann ein Stück Kuchen. Gibt es auch nicht. Wie ? Nur den ganzen Kuchen, also die gesamte Torte. Entweder die mit dem Brautpaar drauf, oder die mit dem großen Herz oder so. Werner sucht sein Messer … ich muss ihn festhalten … es ist wohl besser, wir zahlen und verlassen diesen Ort. „Werner, ganz ruhig“, komm wir essen einen Xenofit-Riegel, schmeckt auch, macht fit und ist günstiger. Außerdem will ich keinen Ärger mit der Polizei.“ Brembana wird forthin von unserer kulinarischen Landkarte gestrichen.

Wir sind auf gut 400m Meereshöhe und müssen „nur“ noch auf über 1800m um dann nochmals auf 1421m zu sinken. Der Nachmittag bricht herein. Selbst schuld, wer morgens trödelt, muss abends aufholen. Auf geht’s nach San Francesco und Roncobello und von dort durch ein Altenheim-ähnliches Dorf hinauf nach Baite di Mezzeno. Vorn vollführt die Route ein großes U um einen Bachlauf herum und wir stehen erneut an einem ebenso schmalen wie äußerst steilen Bergwegerl. „Werner …,“ beginne ich drohend, „nicht schon wieder schieben“. „Doch, komm“. Ey…..
Was heute morgen noch schwer war, ist nun, abends, sauschwer. Wieder Steinbrocken, Stufen, Rampen, Sträucher und Gestrüpp, Wurzeln, kurzum: ein schlechter Trampelpfad ist Luxus dagegen. Im Logbuch steht das Wort „Drecksschinderei“. Das gleiche Spiel, 5 Schritte gehen, anhalten, schnaufen, 5 Schritte gehen. Furchtbar. Es dämmert. Wir müssen auf 1821m über den Pass, kurz darunter liegt einmal mehr ein kleiner See, für den wir, leicht entkräftet nur wenig übrig haben. Xenofit-Doping, ein Gel und schnell die wärmenden Jacken überwerfen, damit wir im kräftigen Wind nicht auskühlen. Das Panorama wäre ein Kapitel wert, doch der Genuss hält sich gerade jetzt in Grenzen. Es ist kalt, der Wind pfeift, die Dunkelheit bereit sich auf die Nacht vor, und wir stehen ziemlich einsam verschwitzt, aber happy hier oben rum. Schnell runter hier.
Ein Trail, und dann einmal mehr extrem steil abfallend auf schottrigem Geläuf hinunter ins Tal. Unvermittelt sehen wir ein linksweisendes Schild „Alpe Corte“, wenngleich wir die Hütte weiter vorne schon einmal erblicken konnten. Komisch. Wir folgen dem Schild ins Gemüse und verlassen die steile Betonrampe, landen an einem Schweinekoben und bei dem dazugehörigen Schweinehirten im Schlamm. Ja, ja, wir seien auf dem richtigen Weg, nur weiter durchs Gemüse. Um Punkt 20h, wieder einmal, treten wir in die kleine Alm, Alpe Corte. Zwei Radler, bitteschön.
Die Unterkunft ist spartanisch, das One-Way-Laken für das 4er Stockbett Zimmer kostet 3 Euro, aber egal. Unsere jungen Zimmernachbarn (12jährige italienische Lausbuben) spielten bis tief in die Nacht hinein mit ihrem iPod oder Handy) – erzählt mir Werner zumindest am anderen Morgen.